MetaDesign
MetaDesign is a conceptual framework aimed at defining and creating social and technical infrastructures in which new forms of collaborative...

Die bewusste Strukturierung unserer Welt begann mit der systematischen Erforschung und Entdeckung der Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft, die uns zwingen die alten Widersprüche von "Erkenne Dich selbst!" bzw. "Macht euch die Erde untertan!" zu überwinden, um unsere intellektuellen Leistungen in wissenschaftlich-technische Konstruktionen umzusetzen, die uns befähigen, nicht nur die Welt zu erklären, sondern auch die Welt zu verändern. Die erste industrielle Revolution setzte mit der Einführung der Energie-Maschinen als sogenannte "Kraftverstärker" ein, und ihre Folge war die relative Unterwerfung des Menschen unter den Arbeitsrhythmus der Maschinen. Die zweite wissenschaftlich-technische Revolution war gekennzeichnet durch den Versuch der Modellierung und Simulierung der in Natur und Gesellschaft sowie im Menschen ablaufenden Prozesse mit Hilfe der kybernetischen Maschinen - den sogenannten "Denkverstärkern". Anfang des neuen Jahrtausends stehen die Leistungsträger der Gesellschaft einen Mausklick von der 3,14-Kulturrevolution entfernt - einer Internet-Welt genannt „New Economy“ mit intransparenter Gesellschaftsstrukturen wie Social Networks & Co d.h. „the future is bright open“.

Die Industriegesellschaft sieht sich vor eine Herausforderung ihres kreativen Potentials gestellt, wie es sie zuvor noch nie gegeben hat: Wir müssen lernen, in gleichem Maße schöpferisch zu sein, wie wir gelernt haben, destruktiv zu sein. Dies aber erfordert eine Renaissance, die sich nur mit Hilfe der von der neuen Technologie bereitgestellten Simulations- und Konversationsinstrumente verwirklichen lässt. Oder um Youngblood’s Worte zu paraphrasieren: Gestützt auf Simulationsinstrumente (Personal Computer), können wir Modelle alternativer Wirklichkeiten herstellen (possible Worlds); gestützt auf konversationelle Netzwerke (Internet), können wir auch die Kontexte kontrollieren, die das Senden und den Empfang der Modelle determinieren. Die Kontrolle des Kontextes beinhaltet die Kontrolle der Bedeutung, die Kontrolle der Bedeutung ist identisch mit der Kontrolle der Wirklichkeit.

„The only reasonable strategy of instigating a revolution in communication is metadesign - the creation of context rather than content. Telecommunication networks and computer programmes are examples of metadesign. Metadesign creates new social situations, provides access to alternative experience and has taken on the original positions of avantgarde - such as redefining art, developing autonomous reality-communities. The concept "orbital age" evokes the myth of a communications revolution, a myth as old as television. According to this myth, new telecommunication technologies can and will invert the structure and function of mass media (a) from centralized output to decentralized input, (b) form hierarchy to heterarchy, (c) from mass audience to special audience, (d) from communication to conversation, (e) from commerce to community, (f) from nationstate to global village.“ [Youngblood, G., 1991]

Metadesign als Ansatz hat viele Dimensionen, die auf verschiedenen Ebenen der Abstraktion einer systematischen Integration bedürfen. Die hauptsächlichen dialektischen Konflikte entstehen aber zwischen folgenden Aspekten: Mensch vs. Maschine bzw. vereinzelt vs. vernetzt und den entsprechenden Kombinationen. Diese Aspekte erlauben Aussagen über die potentiellen Möglichkeiten, Problemlösungswissen zu explizieren, um es computerbasiert zu bewahren und zu verwerten.

Metadesign als angewandte Wissenschaft hat empirische Aussagen über individuelles und vernetztes Problemlösen zu liefern. In Anlehnung an H.Ulrich Uni St.Gallen muss eine Systematisierung unternommen werden:
- Probleme, die im Praxiszusammenhang entstehen, müssen im Theoriezusammenhang erklärt werden können.
- Anhand allgemeiner Theorien zur Untersuchung und Erklärung bestehender Realitäten muß nach Regeln und Modellen zur Schaffung und Untersuchung neuer Realitäten gesucht werden.
- Die Prüfung von Hypothesen über entwickelte Gestaltungsmodelle im Anwendungszusammenhang und die Erfassung typischer Probleme der Praxis müssen durch empirische Forschung ermöglicht werden.
- Die Untersuchung des jeweiligen Anwendungszusammenhangs kann nicht durch bloße Übernahme aktueller Nutzenvorstellungen der Praxis durchgeführt werden
- Für komplexe soziale Systeme sind angemessene Gestaltungsmodelle und Gestaltungs¬regeln zur Komplexitätsreduktion zu entwickeln
- Die Regeln des Verhaltens materieller, biologischer und humaner Systeme sollen als sinnvolle Gestaltungsprinzipien für soziale Systeme interpretiert werden
- Die Theorie muss aufgrund der Zugehörigkeit der theoretischen wie praktischen Erkenntnisse über solche Regeln zu verschiedenen Wissenschaften notwendigerweise interdisziplinär sein
- Für die Abwicklung individueller und kollektiver Lernprozesse ist inhaltliches und methodisches Wissen bereitzustellen
- Die Theorie muss das breite Spektrum von wertbehafteter Geistes- und Sozialwissenschaft bis hin zur methodologischen Basis der computerbasierten Informationstechnologien abdecken

Spätestens als in Deutschland das Staatliche Bauhaus 1919 von Walter Gropius in Weimar als Kunstschule gegründet wurde, war man in das Zeitalter des Metadesigns eingetreten. Ohne die beteiligte bedeutende Künstler bei Namen zu nennen: Man stelle sich nur vor, diese geistige Elite, diese intellektuelle Avantgarde hätte damals die heutigen Informations- und Telekommunikations-Infrastrukturen zu Verfügung. Dann wäre wohl einiges anders gelaufen in Deutschland und die Institution Bauhaus wäre nicht von den Nazis 1933 zur Selbstauflösung gezwungen worden. Stuttgart 21 lässt grüßen... Wehret den Anfängen! Die Kontrolle des Kontextes beinhaltet die Kontrolle der Bedeutung, die Kontrolle der Bedeutung ist identisch mit der Kontrolle der Wirklichkeit.

Bezüglich populär gewordener Spekulationen muss trotzdem festgestellt werden:
- Hoffnungen auf eine Vollautomatisierung der menschlichen Tätigkeit, die mit der sogenannten "Künstlichen Intelligenz" verbunden werden, sind utopisch, da die Möglichkeiten der heutigen Automaten eng mit der Formalisierung der modellierten bzw. simulierten Informationsprozesse verbunden sind.
- Dennoch sind die Potenzen der modernen Computer nicht auf schematische Routineaufgaben begrenzt. Das wird bei der Analyse der schon existierenden und sich in der Entwicklungsphase befindenden Konzeptionen für wissensbasierte Systeme und Semantiv Web deutlich, die zukünftig eine organische Verbindung der maschinell realisierten Operationen mit den nicht-formalisierbaren schöpferischen Prozessen erlauben könnten.

Um die Erscheinungsformen einer neuen Technologie begreifen zu können, muss man die Frage nach dem Design-Ansatzes, d.h. nach dem Zusammenspiel von Verstehen und Herstellen stellen. Wenn in diesem Zusammenhang von Design die Rede ist, kann man sich nicht auf die Methodik planmäßigen Entwerfens beschränken. Man muss die umfassendere Frage stellen, wie eine Gesellschaft Erfindungen hervorbringt, deren Umsetzung wiederum die Gesellschaft insgesamt verändern. Man muss eine theoretische Grundlage entwickeln, um zu untersuchen, welche globale Wirkung die weltweit¬vernetzten computerbasierte Systeme haben, nicht nur, wie sie funktionieren.

Zur Ausarbeitung solcher theoretischen Grundlagen muß man einen Schritt zurückgehen und das implizite Verständnis von Gestaltung untersuchen, das als Teil der bestehenden Denktradition technologischer Entwicklungen steuert. Nur durch Aufdecken dieser Tradition und durch explizites Bewusst machen ihrer Hintergrundannahmen kann man sich für Alternativen und für sich daraus ergebende neue Gestaltungsmöglichkeiten öffnen.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Entwicklung:
- Anfang der fünfziger Jahre kamen die ersten Programme in Binärcode auf Lochstreifen auf;
- heute Anfang des 21 Jahrhunderts gehören Apps, Server, Portale, Internet zu den Selbstverständlichkeiten der Computerwelt.
Analysiert man gleichzeitig, wie Menschen innerhalb dieses Zeitraums über Computer dachten und mit Computern umgingen, kommt man nicht umhin, sich des durchgehenden Einflusses eines mechanistischen Weltbildes bewusst zu werden. Ein Weltbild das besonderen Wert auf Daten, Information, Wissen und Intelligenz legt, aber unfähig ist, selbst eine Definition, geschweige denn eine Erklärung dieser Denkkonstruktionen zu geben. In dieser naiv-rationalistischen Tradition ist ein Großteil des heutigen technologischen Fortschritts begründet, aber auch die unreflektierten Mythen von denkenden Computern, die ihrerseits die Grundlage für viele gegenwärtige Probleme und Irritationen gelegt haben.

Selbst die Metaphern, die in die Welt gesetzt werden, was Computer leisten oder nicht leisten können, zeugen von einer eigentümlichen Blindheit gegenüber dem Wesen menschlichen Denkens, Entdeckens und Erfindens, von einer Blindheit, die zu einem weitverbreiteten Missverständnis über die zukünftige Rolle von Computern führen kann. „Die Frage nach dem Computer ist nicht die Frage nach der Automatik, sondern vor allem anderen die Frage nach der Organisation menschlicher Arbeit" [T. Winograd und F. Flores 1989, Nachwort von W. Coy]

Allerdings scheinen die bisher vorliegenden oder vorgebrachten Kritiken weder vom Differenzierungsgrad noch von der Argumentationstiefe her jenes Elaborationsmaß zu erfüllen, das die Informatik bzw. KI-Gemeinde möglicherweise für einprägsam hält, um aus ihrer selbstreferentiellen Besinnlichkeit zu erwachen. Bisweilen scheint es sogar so, daß die Vehemenz der Kritiken die Ignoranz der Gemeinde in Bezug auf fundamentale philosophische Erkenntnisse noch verstärkt.

Wittgenstein bringt es in seinem Spätwerk auf dem Punkt: "Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem Tröpfchen Sprachlehre ", trägt aber mit seinem Frühwerk "Tractatus Logico-Philosophicus" unabsichtlich zu der Misere der heutigen Informatik bei. Schon Ende des 19. Jahrhunderts sorgten allerdings seine Vorbilder und Lehrer G. Frege und B. Russel für die modelltheoretische Disziplinierung der Mathematik bzw. Logik. L. Wittgenstein begründet in dem "Tractatus logico-philosophicus" die "semantische Modelltheorie" und sieht in "der Sprache die Funktion der Wirklichkeit". Darauf baut der logische Empirismus des "Wiener Kreises", dessen hervorragender Vertreter R. Carnap an der Ersetzung der Philosophie durch die Wissenschaftslogik glaubt. Dieser Tradition des logischen Empirismus folgend etabliert der Mathematiker und Russel-Schüler N. Wiener falschlicher Weise die Kybernetik als Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine. R. Carnaps Schüler W. Pitts entwickelt das Modell der neuronalen Netze, und H. Simon glaubt das Problem der "Intelligenz" bei Computern lösen zu können.

Zu jener Zeit war der Neopositivismus der Wiener Prägung schon eigenhändig von Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen" in Frage gestellt, von Poppers kritischem Rationalismus abgelöst, durch Lakatos raffinierten Falsifikationismus ersetzt, um nach Kuhns paradigmatischer Infragestellung, in Feyerabends Anarchismus zu münden. Aber für die KI-Gemeinde war die Zeit philosophisch gesehen schon Anfang des Jahrhunderts stehen geblieben und das große Erwachen kam Anfang der 90er als die Fördermittel ausblieben. Leider gingen damit alle KI-Firmen weltweit Pleite und damit auch die fortschrittlichsten Hard- und Software-Technologien verloren.

Unabhängig davon ist der wissenschaftlich-technische Fortschritt der letzten Jahre zunehmend gekennzeichnet durch die Modellierung und Simulierung der in der Natur, Gesellschaft und dem Menschen ablaufenden Prozesse mit Hilfe von computerbasierten Decision Support-Systemen. Die heutigen Computer unterstützen den Menschen durch die schnelle und systematische Verarbeitung und Bereitstellung der für die Lösung von Problemen notwendigen Informationen. Der Mensch unterstützt die Computer in der Bewertung der Zwischenergebnisse durch die Bereitstellung zusätzlicher problemadäquater Informationen, durch die Auswahl und Modifizierung der problemorientierten Programmodule, durch die operative Steuerung der Informationsprozesse im real-time-Betrieb usw.

Heute kann man auf das umfangreiche Instrumentarium der kybernetischen Modellierung zurückgreifen, die folgende Vorteile bieten:
- Heuristische, d.h.. Erkenntnis fördernde Funktion, die sich aus der Intentionalität der Modellbildung ergibt
- Strukturierungs- und Deskriptionsfunktion, die eng mit der heuristischen Funktion verbunden ist und aus der Reduktion resultiert
- Steuerungsfunktion durch ein Feedback über Verhaltenskonsequenzen in ernsten Situationen
Prognose- und Antizipationsfunktion zur Vorhersage oder geistigen Vorwegnahme von realen Funktionen oder Verhaltensweisen
- Innovationsfunktion, indem Modelle die Möglichkeit eröffnen, neue Perspektiven zu entwickeln und alternative Strategien durchzuspielen
- Kontroll- und Evaluationsfunktion zur Bewertung von Modelloperationen und der Modell-Original-Angleichung etc.

Anhand des MetaDesign-Ansatzes müssen wir versuchen, - neben der Abgrenzung von einer CyberSpace Euphorie, geprägt durch Marketing und die Betonung von Optik gegenüber Substanz, - das notwendige und hinreichende Know How unter den Aspekten Akquisition, Design, Engineering und Management im Rahmen einer New Economy festzuhalten. Das vorgefundene ideologische und technologische Chaos zwingt uns die zu behandelten Fragen, unabhängig von existierenden Technologien zu stellen, aber gleichzeitig umfassender. Weil mit der erkenntnistheoretischen Beschreibung des MetaDesign-Ansatzes gleichzeitig die Voraussetzungen geschaffen werden sollen, in diesem Zusammenhang grundsätzliche Fragen wie das Verhältnis von Schein und Sein zu klären, z.B.: ist New Economy elektronisch Plakate kleben, Litfaßsäulen drehen, Kioske beliefern, Basare eröffnen oder Umschlagplatz für Wissen und Beratung, high-tech Produkte, intelligente Dienstleistungen und konstruktivistische InternetDidaktik. Was wir brauchen sind Langlebigkeit, Nachhaltigkeit, Wiederverwendung d.h. intellektuelle Aufrichtigkeit und Transparenz. MetaDesign hat pragmatischen Charakter - "wir formalisieren unsere Welt, laden den Formalismus den Automaten auf und machen den Menschen frei für das schöpferische Denken im Dienste neuer weltumgestaltenden Entwicklungen" [A.Adam 1971].

08.10.2010 um 20:27 Uhr

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