Care Design. Neue Designhorizonte für (zu) pflegende Menschen
Auf den Rollator gestützt oder am Handlauf entlang: die Bewohner von Pflegeheimen bewegen sich in der Regel gesenkten Blickes durch die Flure. Aber warum befinden sich Türschilder, Bilder usw. in 1,80 Meter über dem Boden? Demenzkranke reagieren stark auf die atmosphärischen Besonderheiten von Räumen. Aber warum sind dann die Gemeinschaftsbereiche der Heime so sachlich-kühl gehalten?

Fragen wie diesen sind 15 studentische Teams (insgesamt 42 Designstudierende) in Pflegeheimen nachgegangen, um konzeptionelle Ansätze für ein Lebenswelt-adäquateres Design für pflegebedürftige Menschen zu entwickeln - mit dem Ziel der Verbesserung von Selbständigkeit und Autonomie im Alter. Der Perspektivwechsel im Zusammenhang mit dem komplexen Nachvollzug der Erlebniswelt des Alltags von Pflegebedürftigen wurde zur Grundlage von Gestaltungsideen für z.B. Orientierungssysteme für Menschen mit Demenz, Spiele zur Stimulation über taktile Reize und Bewegungen, Systeme zur Unterstützung biografischen Erzählens, Medien für die Aufrechterhaltung des Kontakts zur Familie und zum Freundeskreis, spezielle Möbel, neue Begegnungsräume (z.B. eine Flur-Veranda) und mehr. Eine Kombination von Methoden der sozialen Arbeit wie speziell strukturierte begleitende Beobachtungen und offene, qualitative Interviews mit Kreativitätstechniken bildete die Grundlage des Vorgehens.

Design für Senioren ist seit längerem ein expandierendes Arbeitsfeld für Designer nahezu aller Spezialisierungen. Sowohl unter dem Gesichtspunkt der sich im Alter verändernden motorischen, kognitiven und Wahrnehmungsprozesse als auch in Hinsicht auf die Vielfalt der Veränderungen kultureller Deutungs- und Sinngebungsmuster bilden Senioren Spezifika heraus, welche von Designern in ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit erfasst und modelliert werden müssen. Nur so gelingt es, mit Entwürfen für Produkte und Kommunikationsmittel nutzergerecht zu agieren. Der viel beschworene Ansatz des „Universal Design“ reicht bei weitem nicht aus. Vielmehr bedarf es der konsequenten Erfassung von komplexen lebensweltlichen Besonderheiten.

Für junge Designer stellt das eine besondere Herausforderung dar, weil sie in weit geringerem Maße als für jüngere Zielgruppen bei ihren Entwurfsansätzen auf eigene lebensweltliche Quellen zurückgreifen können. Da die Design- Entwurfsarbeit zu beträchtlichen Anteilen auf intuitiven Verfahren beruht, besteht hierin ein nicht zu unterschätzendes methodisches Problem. Designer sind also darauf angewiesen, sich Methoden anzueignen, mit denen sie in die Lage versetzt werden, sich die Lebenswelten von Senioren zielführend zu erschließen. Die Methoden sind vorhanden, es kommt nur darauf an, sie zu nutzen. Beispiele dafür zeigt die Studie „Care Design“ auf.

Das Projekt wurde von Prof. Dr. Rainer Funke, Designtheorie und Prof. Dr. Martin
Stummbaum, Soziale Arbeit geleitet und in Kooperation mit dem Landesausschuss für Innere Mission Brandenburg AG durchgeführt.

Rainer Funke, Martin Stummbaum (Hrsg.): Care Design – Neue Designhorizonte für
(zu) pflegende Menschen. Potsdam: Brandenb. Univ.-Druckerei & Verl.-Ges. 2012.
Online: http://issuu.com/caredesign_fhp2012/docs/caredesign

Abbildungen:
1. Designstudent Fabian Bartelt bei Materialtests im Emmaus-Haus Potsdam
2. Wahrnehmungsstudien mit Senioren im Potsdamer Hasenheyer Stift (Foto 1 und 2: Jonathan Bachmann)
3. Ideenskizze für atmosphärische Informationsgestaltung von Johanna Goldmann, Susann Greuel und Laura Zoccarato
4. „Flurveranda“ – eine Idee von Luise Ballerstädt, Niklas Dünger und Lasse Paulsen

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