Georg Nees (2015): Design – Menschenwerk. Sichten auf ein vielseitiges Phänomen.
Bereits 1969 war Georg Nees ein Pionier – mit der weltweit ersten Promotion zum Thema „Generative Computergrafik“. Diese Offenheit für neue Perspektiven zeigt sich auch in seinem neuesten Buch, das wohl sein letztes bleiben wird (da Nees nun erblindet ist). Schwierige Themen bewältigt er hier mit der Leichtigkeit eines Flaneurs. Die traditionelle Unvereinbarkeit von Phänomenologie und Semiotik widerlegt er, indem er die „Bewusstseinsleistung“ in den Mittelpunkt rückt. Dies geschieht so nachvollziehbar, dass sich sowohl Naturwissenschaftler als auch Philosophen und Designer dem komplexen Thema gerne stellen werden. Dabei ist das Thema zwar komplex, der Stil von Georg Nees aber nicht kompliziert.

Der schlanke Band umfasst nur 173 Seiten und vereint darin eine systematische Annäherung an die Grundbegriffe ebenso wie den abschließenden Versuch einer Synthese. Aus den Wurzeln der Information, der Gestalt und der Abbildung werden sukzessive die aktiven Anteile der Beobachter destilliert. Die Kognition und deren physikalische Beschränkungen („constraints“) werden als Prozesse operativ interpretiert. Auf dieser Basis werden die Phänomenologen Husserl und Heidegger mit dem Semiotiker Hjelmslev in einen fruchtbaren Dialog gebracht. Denn jede Wahrnehmung ist auch bei Husserl bereits „ein System an Verweisen“. Ein Aspekt verweist also auf einen anderen. Anhand vieler Beispiele illustriert Nees, wie es zum Verstehen von Stimmungen und Intentionen anderer Akteure kommt: Wie verstehen wir, dass ein Jemand müde wird, wenn wir sehen, dass er beim Holzhacken immer langsamer wird?

Die pragmatischen Aspekte verbinden die Lebenswelt der Phänomenologen mit der analytischen Sichtweise der Semiotiker. Erst wenn die Zuhandenheit eines Objektes abhanden kommt, wird dieses bewusst wahrgenommen. Erst dann werden die zugrunde liegenden Bewusstseinsleistungen bewusst. Wie auch Kommunikation oder die Synchronisation von sozialen „Multisubjekten“ meist erst dann bewusst wird, wenn sie nicht mehr funktioniert wie erwartet. Diese Erwartungen sind wieder Bewusstseinsleistungen, die entweder phänomenologisch oder semiotisch interpretiert werden können. Je nachdem, was als „die korrekte kybernetische Einheit“ festgelegt wird, neigen Theorien stärker zum Einen oder zum Anderen. Doch erst die Einheit aus Ausdruck und Ausgedrücktem eröffnet die Möglichkeit, die Erfahrungen von „Mit-Menschen“ zu verstehen. Dies bezeichnet Georg Nees (mit Edmund Husserl und Thomas Friedrich) als „komprehensive Apperzeption“.

Was hat dies alles mit Design zu tun? Selbstverständlich legt Nees einen stark erweiterten Designbegriff zugrunde – die kognitive Konstruktion von Wirklichkeit wird damit zum „Weltendesign“. Sehr allgemein schließt Nees das Buch: „Im Design formt sich mittels Bewusstseinsleistungen etwas heraus.“

LIT-Verlag, 2015
173 Seiten, viele farbige Illustrationen,
ISBN: 978-3643113689
34,90 Euro
24.08.2015 um 13:32 Uhr

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